Der lange Weg zur Diagnose
Fibromyalgie
Fibromyalgie hat viele Gesichter – und Betroffene oft einen langen Weg bis zur Diagnose. Sie ist meist schwer zu erkennen, da Symptome vielen anderen Erkrankungen ähneln.
Moderne Diagnosekriterien, ärztliche Erfahrung und ein Leitfaden schaffen mehr Klarheit und bieten Betroffenen eine gute Orientierung auf dem Weg zur richtigen Diagnose und zur Therapie.
Die Diagnose Fibromyalgie ist komplex – nicht, weil es keine Symptome gäbe, sondern weil es keine eindeutigen Laborwerte oder bildgebenden Verfahren gibt, die die Erkrankung zweifelsfrei nachweisen. Früher wurde die Diagnose nur gestellt, wenn mögliche andere Krankheiten ausgeschlossen wurden. Heute jedoch rückt sie zunehmend als klinische Diagnose in den Fokus: Zwar müssen andere Ursachen für die Beschwerden nach wie vor berücksichtigt und ggf. ausgeschlossen werden, doch entscheidend sind standardisierte Diagnosekriterien und die ärztliche Einschätzung anhand typischer Symptome.
Die medizinische Diagnostik stützt sich vor allem auf das ärztliche Gespräch, die Anamnese und gezielte körperliche Untersuchungen. Typische Hinweise liefern die Schmerzverteilung, die Dauer der Beschwerden sowie begleitende Symptome. Bestimmte Druckpunkte am Körper – sogenannte Tender Points – wurden früher zur Diagnose herangezogen, sind heute aber nicht mehr allein ausschlaggebend. Stattdessen orientieren sich viele Fachleute an den Kriterien des American College of Rheumatology (ACR), die eine umfassendere Einschätzung ermöglichen.
Wichtig ist: Die Diagnose erfordert Geduld – sowohl von ärztlicher Seite als auch von den Betroffenen. Denn viele Symptome überschneiden sich mit anderen Erkrankungen wie Rheuma, Schilddrüsenstörungen oder neurologischen Leiden. Eine genaue Abklärung ist daher unerlässlich, um Sicherheit zu schaffen – und um mit dem richtigen Wissen passende Therapiewege zu finden.
Das Wichtigste in Kürze
Wie wird Fibromyalgie diagnostiziert?
Fibromyalgie ist heute keine Ausschlussdiagnose im klassischen Sinne mehr. Zwar müssen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausgeschlossen werden (z. B. Rheuma, MS oder Schilddrüsenerkrankungen), doch die Diagnose basiert auf definierten Kriterien, dem ärztlichen Urteil und standardisierten Fragebögen – etwa durch den Praxisleitfaden der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin.
Gibt es einen Bluttest für Fibromyalgie?
Nein, es gibt keinen spezifischen Laborwert. Blutuntersuchungen dienen vor allem dazu, andere Ursachen wie Rheuma oder Entzündungen auszuschließen.
Welche Rolle spielen Tender Points heute noch?
Früher waren sie zentral, heute weniger relevant. Die aktuelle Diagnostik betrachtet vielmehr die Verteilung und Dauer der Schmerzen sowie Begleitsymptome.
Warum dauert die Diagnose oft so lange?
Weil viele Symptome unspezifisch sind und anderen Krankheiten ähneln. Eine sorgfältige Abklärung ist nötig, um Fehldiagnosen zu vermeiden.
Ein Fragebogen hilft, den Teufelskreis zu durchbrechen

Das Krankheitsbild Fibromyalgie ist sehr diffus, so dass viele Betroffene von ihrer Erkrankung nichts wissen. Sie leiden unter unerträglichen Schmerzen, verbringen Jahre mit der Suche nach den möglichen Ursachen und finden oftmals nicht die richtige Therapie für sich. Dabei kann die Diagnose Fibromyalgie heute besser gestellt werden. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin weist darauf hin, dass die richtige Diagnose bei Fibromyalgie immer noch sehr spät gestellt wird. Ein Praxisleitfaden soll helfen, die Dauer bis zur Diagnosestellung für Patienten zu verkürzen.
Der Leitfaden der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin richtet sich dabei nicht nur an Ärzte, sondern auch an die Patienten selbst. Wer also unter chronischen Ganzkörperschmerzen leidet oder bei wem der Verdacht auf Fibromyalgie besteht, sollte sich den Fragebogen genau anschauen. Besonders hilfreich ist es, diesen auf Selbstauskunft basierenden Erhebungsbogen schon vor dem Arztbesuch auszufüllen und zum nächsten Termin mitzubringen.
Die frühzeitige Diagnose Fibromyalgie zu stellen, bringt für den Patienten gleich mehrere Vorteile mit sich. Sie durchbricht nämlich den Teufelskreis aus unerträglichen Schmerzen und vielen (häufig unnötigen) Diagnoseverfahren, die für viele Patienten sehr belastend sein können. Außerdem wird mit der richtigen Diagnose auch erst die richtige Therapie möglich. So sind Patienten in der Lage, aktiv Verantwortung für ihre Krankheit zu übernehmen und bei der richtigen Therapie mitzuwirken. In Absprache mit dem behandelnden Arzt können Medikamente manchmal helfen, die Schmerzen in den Griff zu bekommen. Allerdings sind sie oft auch nicht zielführend. Dann helfen alternative Therapien wie eine Kur im Gasteiner Heilstollen.
Praxisleitfaden Fibromyalgie
Der Kriterienkatalog, der dem Praxisleitfaden zu Grunde liegt, beruht auf der Selbstauskunft des Patienten. Die standardisierten Fragenbögen erfassen Angaben zur körperlichen Schmerztopografie, also wo sich die schmerzenden Stellen befinden, zum Symptomschweregrad, also wie stark die Beschwerden sind, und zur Dauer der Beschwerden. Im Detail werden folgende Daten erhoben:
1. Widespread Pain Index
Hier geben die Patienten an, ob sie in den vergangen 7 Tagen in bestimmten Körperbereichen Schmerzen verspürt haben oder eine Druck- oder Berührungsempfindlichkeit vorlag. Auf den ersten Blick ähnelt der Index den sogenannten „Tender Points“, die einigen Patienten ein Begriff sind. Bei den Tender Points zählten Ärzte bisher empfindliche Punkte, die beim Patienten Schmerzen verursachten. Testeten sie mindestens 11 von 18 Tenderpoints positiv auf Empfindlichkeit, half dies, eine Fibromyalgie-Diagnose zu stellen. Allerdings ergaben Untersuchungen, dass viele Patienten mit Fibromyalgie die Tender Points-Kriterien nicht erfüllten. Das Zählen der Tender Points ist heute nicht mehr zeitgemäß. Stattdessen sollte der Widespread Pain Index angewandt werden. Er ist genauer und hilft besser, die Diagnose Fibromyalgie zu stellen.
2. Schmerzphänotyp
Bei der Erfassung des Schmerzphänotyps, also sozusagen die individuelle Art und Wahrnehmung der Schmerzen, geben Patienten an, ob beispielsweise leichte Berührungen schon als schmerzhaft empfunden werden, ob Brenn-, Taubheits- oder Kribbelgefühle vorhanden sind und ob Kälte oder Wärme als schmerzhaft empfunden werden.
3. Symptomschweregrad
Hier beurteilen Patienten, ob sie keine, leichte, mäßige oder große Probleme mit Müdigkeit, Denkvermögen, Schlaf aber auch Unterleibskrämpfen, Depressionen oder Kopfschmerzen haben. Hintergrund ist, dass mittlerweile bekannt ist, dass bei vielen Menschen mit Fibromyalgie neben den klassischen körperlichen Beschwerden wie Schmerzen auch Depressivität, Angst und Stress eine Rolle beim Krankheitsbild spielen.
4. Angaben zur Dauer der Beschwerden
Fibromyalgie ist eine chronische Erkrankung. Ein wesentliches Kriterium ist daher, wie lange die Symptome bereits bestehen – meist über mehrere Monate hinweg.
5. Depressions-Angst-Stress-Skala
Da die Krankheit Fibromyalgie auch mit seelischen Begleiterscheinungen einhergeht, kann zusätzlich noch die Depressions-Angst-Stress-Skala zum Einsatz kommen. Hier gibt der Patient Selbstauskunft zu den Symptomen Depression, Angst und Stress.


Anhand dieser Daten kann der behandelnde Arzt die diagnostischen Kriterien beurteilen und die Diagnose Fibromyalgie bestätigen. Dabei ist aber zu beachten, dass auch andere Krankheitsbilder auf den ersten Blick der Fibromyalgie ähneln (aber meist nicht alle Kriterien des Leitfadens erfüllen) und der Arzt ggfls. noch Erkrankungen durch andere diagnostische Verfahren ausschließen muss.
Abgrenzung von anderen Erkrankungen
Die Diagnose Fibromyalgie basiert auf einem typischen Symptommuster, trotzdem ist es wichtig, im Rahmen der Diagnostik andere Erkrankungen zu erkennen oder auszuschließen, die ähnliche Beschwerden verursachen können. Das Krankheitsbild der Fibromyalgie ist vielschichtig und überschneidet sich in Teilen mit verschiedenen körperlichen und psychischen Störungen.
Ein zentrales Abgrenzungskriterium ist die Unterscheidung zu entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis oder dem systemischen Lupus erythematodes. Beide können ebenfalls mit Muskel- und Gelenkschmerzen einhergehen, zeigen aber meist spezifische Auffälligkeiten in Blutuntersuchungen – etwa erhöhte Entzündungswerte, Autoantikörper oder Gelenkveränderungen im Ultraschall bzw. Röntgenbild.
Auch neurologische Erkrankungen wie die Multiple Sklerose (MS) müssen berücksichtigt werden. Hier stehen zwar ebenfalls Erschöpfung, Missempfindungen oder kognitive Einschränkungen im Vordergrund, doch treten sie oft schubweise auf und sind durch bildgebende Verfahren (MRT) erkennbar.
Zu den weiteren Differenzialdiagnosen gehört das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS), das insbesondere durch eine ausgeprägte Belastungsintoleranz gekennzeichnet ist – also eine massive Verschlechterung des Zustands nach schon geringer körperlicher oder geistiger Anstrengung. Auch Schlafstörungen, Schilddrüsenerkrankungen, Depressionen oder Angststörungen können ähnliche Symptome wie Fatigue, Konzentrationsstörungen und diffuse Schmerzen hervorrufen.
Hinzu kommen seltenere, aber relevante Erkrankungen wie Polyneuropathien, Borreliose, Myopathien oder Vitaminmangelzustände (etwa Vitamin D oder B12), die sorgfältig abgeklärt werden sollten. Eine umfassende Anamnese, körperliche Untersuchung, gezielte Labordiagnostik und ggf. weitere Tests helfen dabei, die richtige Einordnung zu treffen.
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