Person notiert sich etwas und daneben liegen einige Prospekte und ein Steskop vom Heilstollen.

Neue Ärztliche Leitung im Gasteiner Heilstollen

Dr. Julia Evangelist

Sie ist neue ärztliche Leitung im Gasteiner Heilstollen, Frau Dr. Julia Evangelist. Im Interview erklärt sie, was Wärme, Luftfeuchte und Radon bewirken, welche Forschung ansteht – und warum Ruhe im Berg für Patienten und sie selbst so wichtig ist.

Dr. Julia Evangelist ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Kurärztin und seit vielen Jahren mit dem Gasteiner Heilstollen verbunden: Erste Erfahrungen im Heilstollen sammelte sie bereits 2012 während ihres Turnus, 2016 kehrte sie fix ins Team zurück. Seit Mai vergangenen Jahres verantwortet sie als ärztliche Leitung die medizinische Betreuung und Weiterentwicklung des Heilstollens. Im Interview spricht sie darüber, was sich durch die neue Rolle verändert hat, welche Forschungs- und Entwicklungsprojekte aktuell im Fokus stehen und warum ihr im Kontakt mit Patientinnen und Patienten vor allem eines wichtig ist: ernst nehmen, zuhören und ehrlich einordnen. Sie erklärt, was den Heilstollen in seiner Kombination aus Wärme, Luftfeuchtigkeit und Radon einzigartig macht, wie sie mit Skepsis umgeht und welche Erwartungen – und Missverständnisse – Patientinnen und Patienten mitbringen. 
 

Interview

Wir haben Dr. Julia Evangelist einige Fragen gestellt.

Seit wann sind Sie im Gasteiner Heilstollen tätig – und seit wann leiten Sie ihn medizinisch?

"Erste Erfahrungen im Heilstollen habe ich bereits im Turnus gesammelt – in Österreich damals die 3-jährige Ausbildung zum Allgemeinmediziner. Das war 2012, damals war die ärztliche Betreuung der Einfahrten ein wichtiges Aufgabengebiet. 2013 habe ich zusätzlich aushilfsweise im Stollen gearbeitet. Fix bin ich dann 2016 wieder eingestiegen. Die ärztliche Leitung habe ich letztes Jahr im Mai übernommen.“

Was hat Sie an der Aufgabe als ärztliche Leitung gereizt?

"Eigentlich wollte ich das zunächst gar nicht machen. Aber das Team hat mich bestärkt, es zu probieren – und dann habe ich mir gedacht: Ich mache es einfach einmal."

Haben Sie die Entscheidung bisher bereut?

“Bis jetzt nicht. Man weiß nie, wie sich Dinge entwickeln – aber aktuell: nein.”

Was hat sich durch die Leitungsfunktion im Alltag verändert?

"Es fühlt sich anders an, weil mehr Verantwortung dranhängt. Gleichzeitig finde ich: Egal welche Position – man muss so arbeiten, dass man sich selbst treu bleibt. Insgesamt sind es mehr Aufgaben geworden und es ist anstrengender."
 

Welche Aufgaben sind neu dazugekommen?

"Vor allem zusätzliche Gespräche und Abstimmungen – auch zu wissenschaftlichen Themen – plus organisatorische Aufgaben. Viel Kleinkram, über den man drüber schauen muss, Fragen, die auflaufen, und auch repräsentative Termine. Der Patientenkontakt ist bei mir gleichgeblieben – die Leitungsaufgaben sind eher on top dazugekommen. Dadurch sind manche Tage sehr dicht und anstrengend."

Welche Schwerpunkte haben Sie in der Startphase gesetzt – was steht gerade an?

“Aktuell geht es vor allem darum, begonnene Forschungsthemen fertigzustellen und laufende Projekte sauber weiterzuführen: ein wissenschaftliches Assessment, ein Projekt zum gesunden Altern sowie eine Studie in Planung mit dem Forschungsinstitut Gastein. Für große neue Zukunftspläne ist es im Moment noch zu früh.”
 

Was ist Ihnen im Umgang mit Patientinnen und Patienten besonders wichtig?

"Patientinnen und Patienten ernst zu nehmen. Dass sie das Gefühl haben: Ich werde gesehen, ich bilde mir das nicht ein. Im Kern: so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte."

Wie erklären Sie den Gasteiner Heilstollen jemandem, der ihn noch nicht kennt?

"Der Heilstollen ist ein natürliches Heilmittel: ein Stollen etwa zwei Kilometer im Berginneren. Besonders ist die Kombination aus Wärme, Luftfeuchtigkeit und dem radioaktiven Edelgas Radon – in dieser Form einzigartig. Eingesetzt wird er vor allem bei chronischen Schmerzen, insbesondere am Bewegungsapparat, aber auch bei Beschwerden der Atemwege, der Haut sowie bei Neuralgien."
 

 

Wie gehen Sie mit Skepsis gegenüber der Therapie um?

"Wenn jemand von vornherein skeptisch sein will, ist Überreden schwierig. Es gibt viele gute Studien und immense Erfahrungswerte seit fast 75 Jahren. Gleichzeitig gibt es Bereiche, die noch nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht sind – das gehört zur ehrlichen Einordnung dazu."

Wo sehen Sie den größten Forschungsbedarf?

"Wir wissen in Teilen, was im Körper passiert, wenn jemand eine Kur im Heilstollen macht – aber noch nicht vollständig. Zum Beispiel: Wie wirkt Radon im Körper genau auf die Zellen? Und was erklärt den Langzeiteffekt, also warum die Wirkung so lange anhält? Außerdem fehlen für viele Krankheitsbilder noch ausreichend belastbare Studien, auch wenn einzelne Erkrankungen – wie Morbus Bechterew – gut untersucht sind."

In Forschungsfragen wird es also im Heilstollen nicht langweilig?

„Nein, keinesfalls.“
 

Übrigens. Dass Frau Dr. Evangelist beruflich nicht nur medizinische Gründlichkeit, sondern auch viel persönlichen Antrieb mitbringt, zeigt auch ihr Porträt „Aus dem Kittel in die Laufschuhe“: Dr. Evangelist ist leidenschaftliche Bergläuferin, trainiert nahezu täglich und nutzt den Heilstollen selbst regelmäßig zur Regeneration. Hier geht’s zum Artikel: Aus dem Kittel in die Laufschuhe

Mit welchen Erwartungen kommen Patienten – und wo entstehen Missverständnisse?

"Viele erwarten eine sofortige Wirkung und manche möchten schon während der Kur Medikamente reduzieren. Das klappt manchmal, aber nicht immer – und ist je nach Medikament auch nicht sofort empfehlenswert. Ein weiteres Missverständnis: Weil viele Patienten privat zur Kur kommen, glauben manche, sie könnten frei entscheiden, wie sie sich verhalten. Tatsächlich ist es eine ärztlich betreute Gruppentherapie mit Regeln – und die müssen für alle funktionieren."

Was raten Sie Patienten, damit sie möglichst viel aus dem Aufenthalt mitnehmen?

"Vorab ist vor allem hilfreich, wichtige Befunde mitzubringen, damit wir die Situation besser einschätzen können. Während der Kur gilt: auf den eigenen Körper hören und Warnsignale ernst nehmen. Viele Probleme entstehen, wenn jemand trotz Infekt, ohne Essen, nach Alkoholkonsum oder trotz starker Kurreaktion weitermacht und vielleicht sogar die Therapie durch die Wahl der Therapiestation noch steigert. Das geht meist nicht gut. Weniger ist oft mehr: kein Stress, nicht zu viele Therapien gleichzeitig planen und dem Körper die Ruhe geben, die er braucht."
 

Was sollten Menschen wissen, die den Heilstollen noch gar nicht kennen?

"Man muss es eigentlich selbst erleben. Ich kann vieles erklären – aber dieses Gesamtpaket aus Einfahren in den Berg, Wärme, Ruhe und die Wirkung lässt sich mit Worten nur schwer vermitteln. Wer chronische Schmerzerkrankungen hat, sollte es aus meiner Sicht einmal ausprobieren."

Was hilft Ihnen persönlich beim Abschalten?

“Für mich ist die klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit wichtig. Sport ist grundsätzlich ein Ausgleich, aber nicht alles daran ist automatisch entspannend: Wenn ich mich zum Beispiel für einen Bergmarathon anmelde, ist das eher zusätzliche Belastung. Entspannung ist für mich, wenn ich einfach lange Bergläufe für mich mache, die mir Freude machen.”
 

Nutzen Sie den Heilstollen auch selbst – zur Regeneration?

"Ja, auch. Ich hatte in meinem Leben schon einige Wehwehchen, und der Heilstollen hat mir immer wieder geholfen. Ich habe das Gefühl, dass er mir hilft, körperliche Beschwerden stabil zu halten. Und er ist für mich definitiv auch Entspannung: Diese Stunde völlige Ruhe, dieses komplette Runterkommen aus dem Alltag – ohne Handy, ohne Geräusche, ohne Dauerbeschallung – das hat man heute fast nirgends."

Wie oft fahren Sie selbst in den Heilstollen ein?

“Meistens schaffe ich ungefähr 20 Einfahrten im Jahr. Ich blocke das oft im Spätwinter/Frühling und dann noch einmal im Herbst. Manchmal sind es etwas weniger, manchmal auch mehr – je nachdem, wie es sich ausgeht.”
 

Wie verbringen Sie freie Tage?

"Ich bewege mich eigentlich fast jeden Tag – wenn ich nicht auf den Berg gehe, mache ich eben einen anderen Sport. Das kann auch einmal zwei Stunden Stand-up-Paddeln sein oder Schwimmen – je nachdem. Ich tue eigentlich nie nichts."

Haben Sie einen Lieblingsplatz in Gastein?

"Es ist schwer, einen einzelnen Platz zu nennen – für mich ist die Stärke von Gastein die Vielseitigkeit: Wenn ich müde bin, kann ich gemütlich eine Talrunde laufen und habe trotzdem die Bergkulisse. Wenn ich Vollgas will, kann ich auch einen langen Berglauf machen. Im Winter ist es großartig zum Langlaufen und für Skitouren. Und obwohl im Sommer natürlich viel los ist, findet man trotzdem Orte, an denen man fast allein ist – wenn man Ruhe will. Einer meiner liebsten Plätze ist Sportgastein."

Diese Ruhe scheint ein Leitmotiv zu sein – im wie auch auf dem Berg?

"Ja, genau."

Danke für das Gespräch.
 

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