Wissenschaftliche Informationen Gasteiner Heilstollen.

Kann eine Kur das Immunsystem „verjüngen“?

GIDEX-Studie

Was hilft dabei, möglichst lange gesund und aktiv zu bleiben? Mit dieser Frage hat sich die GIDEX-Studie im Gasteinertal befasst. Untersucht wurde, wie sich eine zweiwöchige Kombination aus Bewegung in der Natur und den natürlichen Gasteiner Heilmitteln wie dem Heilstollen auf 65- bis 75-Jährige auswirkt. Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Nicht nur Wohlbefinden und Lebensqualität verbesserten sich. Auch im Blut fanden die Forschenden Veränderungen, die auf ein „jüngeres“ Immunzellprofil hindeuten.

Altern zeigt sich nicht nur an Haut, Muskeln oder Gelenken. Auch das Immunsystem verändert sich mit den Jahren. Bestimmte Abwehrzellen werden seltener neu gebildet, während sich gealterte Immunzellen ansammeln. Dadurch reagiert das Immunsystem im höheren Lebensalter zunehmend anders. Eine wichtige Rolle spielen dabei die sogenannten T-Zellen. Unter ihnen gibt es „naive“ T-Zellen, die noch keinen Kontakt mit einem bestimmten Krankheitserreger hatten und deshalb flexibel auf neue Herausforderungen reagieren können. Im Laufe des Lebens nimmt ihr Anteil normalerweise ab. Gleichzeitig steigt der Anteil alter T-Zellen an.

Blick auf das Immunsystem

Genau hier fragt die GIDEX-Studie: Kann ein zeitlich begrenzter Präventionsaufenthalt diesen altersbedingten Prozess messbar beeinflussen? GIDEX steht für „Gastein Immunology, Digital Health-applications, Exercise and Prevention for the Youngest Old“. Bei der Untersuchung handelte es sich um eine randomisierte, kontrollierte klinische Studie. Mehr als 100 Menschen zwischen 65 und 75 Jahren nahmen daran teil. Die Teilnehmer wurden zufällig verschiedenen Gruppen zugeordnet. Zwei Gruppen absolvierten über 14 Tage ein naturbasiertes Präventionsprogramm im Gasteinertal, eine weitere Gruppe diente zum Vergleich und nahm in diesem Zeitraum nicht an der Intervention teil.

Das Gasteiner Programm kombinierte tägliche Bewegung in der Natur mit ortsgebundenen Heilmitteln. Dazu gehörten Anwendungen des Gasteiner Thermalwassers beziehungsweise Radonthermalbäder sowie der Gasteiner Heilstollen mit seinem besonderen Zusammenspiel aus Radon, Wärme und hoher Luftfeuchtigkeit. Eine der Gruppen wurde zusätzlich digital durch eine Gesundheits-App begleitet. Untersucht wurde dabei nicht nur, wie sich die Teilnehmer fühlten. Die Forscher bestimmten unter anderem Blutwerte und Immunzellen, körperliche Parameter sowie das psychische Wohlbefinden und die gesundheitsbezogene Lebensqualität. Nachuntersuchungen zeigten außerdem, wie nachhaltig mögliche Veränderungen waren. Eine der interessantesten Beobachtungen zeigte sich im Immunsystem. Im Verlauf der Studie nahm der Anteil naiver T-Zellen zu. Gleichzeitig verschob sich das Verhältnis zwischen diesen „jungen“ und bereits gealterten T-Zellen zugunsten eines jüngeren Immunzellprofils. Die Blutanalysen zeigen, dass biologische Marker, die mit der Alterung des Immunsystems zusammenhängen, positiv beeinflusst wurden. Diese Veränderungen wurden bis 90 Tage nach dem zweiwöchigen Aufenthalt weiterverfolgt. Für Studienleiter Univ. Prof. Arnulf Hartl ist genau das ein besonders spannendes Ergebnis. Die GIDEX-Studie liefert damit Hinweise darauf, dass gesundes Altern nicht nur durch subjektives Wohlbefinden beurteilt werden kann, sondern sich Veränderungen auch anhand biologischer Parameter nachweisen lassen.

Wohlbefinden steigt an

Parallel zu den Veränderungen im Immunsystem zeigten sich auch deutliche Effekte auf das psychische Wohlbefinden und die gesundheitsbezogene Lebensqualität. Bereits nach 14 Tagen ging es den Teilnehmern der beiden Interventionsgruppen psychisch besser als den Personen der Kontrollgruppe. Besonders nachhaltig waren die Veränderungen bei denjenigen, die während und nach dem Aufenthalt zusätzlich digital begleitet wurden. Positive Aspekte des Wohlbefindens blieben in dieser Gruppe teilweise über den gesamten Beobachtungszeitraum von 180 Tagen verbessert. Gleichzeitig nahm die negative Befindlichkeit ab. Damit liefert die Studie einen interessanten Hinweis darauf, dass ein zeitlich begrenzter Gesundheitsaufenthalt längerfristig wirken kann – vor allem dann, wenn die während der Kur angestoßenen Veränderungen anschließend im Alltag weitergeführt werden.

Eine Frage kann die GIDEX-Studie allerdings noch nicht abschließend beantworten: Welcher Bestandteil des Programms ist für welchen Effekt verantwortlich? Die Teilnehmer bewegten sich in der Gasteiner Natur, nutzten Thermalwasser und Radonanwendungen und verbrachten Zeit im Gasteiner Heilstollen. Dort wirken Radon, Wärme und eine hohe Luftfeuchtigkeit gleichzeitig auf den Körper. Die beobachteten Veränderungen lassen sich nach Einschätzung der Wissenschaftler nicht allein durch Bewegung in der Natur erklären. Damit rücken die ortsgebundenen Gasteiner Heilmittel stärker in den Fokus. Welche Rolle Radon, Wärme, Naturkontakt und Bewegung jeweils spielen, soll nun in weiteren kontrollierten Studien genauer untersucht werden. Denn genau darin liegt eine der Herausforderungen moderner Kurforschung: Eine Kur besteht bewusst aus mehreren Komponenten. Um ihre Wirkung wissenschaftlich besser zu verstehen, müssen diese Bestandteile jedoch möglichst genau voneinander unterschieden werden.
 

Im Heilstollen: außergewöhnlich viele Luftionen

Die GIDEX-Studie brachte noch eine weitere interessante Beobachtung hervor. Bei Messungen im Gasteiner Heilstollen wurden außergewöhnlich hohe Konzentrationen negativ geladener Luftionen festgestellt. Im Heilstollen wurden Konzentrationen von bis zu rund einer Million Ionen pro Kubikzentimeter gemessen. Ob diese Luftionen einen eigenen Anteil an der Wirkung des besonderen Heilstollenklimas haben, wird derzeit weiter untersucht. Damit eröffnet die GIDEX-Studie neben ihren eigentlichen Ergebnissen zum gesunden Altern auch neue Forschungsfragen zu den einzelnen Wirkfaktoren des Gasteiner Heilstollens.    
 

Interview mit Univ. Prof. Arnulf Hartl

Univ. Prof. Arnulf Hartl leitet das Institut für Ökomedizin an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg und seit Mai auch das Forschungsinstitut Gastein. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Frage, wie Natur und ortsgebundene Heilmittel auf den Menschen wirken.

Was genau wurde mit der GIDEX-Studie untersucht?
„Dabei haben wir untersucht, wie sich eine typische Gasteiner Aktive Kur auf Menschen auswirkt, die normal altern. Die Frage war: Wie bekommen wir möglichst viele gesunde Lebensjahre? Herausgekommen ist, dass wir das Immunsystem der Studienteilnehmer regelrecht verjüngen konnten und ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität 180 Tage nachhaltig verbessern konnten.“

Welche Rolle spielen dabei Natur und die Gasteiner Heilmittel?
„Wir versuchen die Frage zu beantworten, wie ortsgebundene Heilmittel und die Natur auf den Menschen wirken. Einer unserer Schwerpunkte ist der Gasteiner Heilstollen. Der hat unter den ortsgebundenen Heilmitteln mit Radon, Wärme und Luftfeuchtigkeit eine besondere Rolle. Offenbar spiele auch Luftionen eine Rolle.“

Warum ist die wissenschaftliche Untersuchung der Kurmedizin so wichtig?
„Der Gedanke, Kurmedizin wissenschaftlich zu fundieren, ist nicht neu. Das Forschungsinstitut Gastein wurde bereits 1936 gegründet, mit dem Ziel, die Kurmittel strukturiert zu erforschen, Evidenz zu schaffen und Gastein international zu positionieren – auch als touristischen und regionalwirtschaftlichen Faktor. Seit den 1970er-Jahren hat sich die Medizin stark entwickelt, vor allem mit randomisierten, kontrollierten klinischen Studien und hohen Evidenzgraden. Das muss auch die Kurmedizin aufnehmen. Nur so kann man wirklich sagen: Dieses Heilmittel wirkt. Wir versuchen, den Heilstollen und den gesamten Gasteiner Komplex naturbasierter Interventionen nachhaltig wissenschaftlich abzusichern.“

Welche Bedeutung hat der Gasteiner Heilstollen für diese Forschung?
„Der Gasteiner Heilstollen war in den letzten Jahren der Ort, an dem wir die meiste Forschungsaktivität gezeigt haben. Seit Mai darf ich das Forschungsinstitut Gastein leiten, wobei der Gasteiner Heilstollen immer das zentrale Echtlabor bleiben wird. Vieles, was wir künftig auch in anderen Häusern etablieren wollen, werden wir im Heilstollen testen. Wir wollen dazu randomisierte, kontrollierte klinische Studien machen, funktionierende Systeme skalieren und sie dann im ganzen Gasteinertal und darüber hinaus international positionieren.“
 

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